Sonntag Gedenkkundgebung

Von Manfred Demmer

Entwurf des Denkmals 1947Wenn sich am kommenden Sonntag, 22. April 2008, wieder Menschen aus dem rheinisch-bergischen Raum am Wenzelnberg bei Langenfeld versammeln, um der dort ermordeten Nazi-Opfer zu gedenken, wissen wahrscheinlich die meisten etwas über dieses Verbrechen vom 13. April 1945. Doch über die Geschichte der Gedenkkundgebungen und des Mahnmals werden die wenigsten etwas wissen. Gerade heute, in einer Zeit, in der eine massive Geschichtsrevision stattfindet (Beispiel: Öttingers Rede zu Filbinger) scheint es notwendig, daran zu erinnern.

Zeugen der Nazi-Verbrechen liquidiert

Der von den deutschen Faschisten entfesselten Zweite Weltkrieg lag im April des Jahres 1945 im rheinisch-bergischen Raum in den letzten Zügen. Viele Menschen hofften, dass der Krieg bald zu Ende gehen würde, viele hatten aber auch Angst vor der Zukunft. Sorgen hatten natürlich auch führende Vertreter des Naziterrors und der Wehrmacht, die noch immer unter der verlogenen Parole „für Volk und Vaterland“ brutal gegen jene vorgingen, die sich schon zu Beginn der Naziherrschaft dagegen gewehrt oder sich später unter dem Eindruck des Krieges dieser Politik entzogen hatten.

Die Nazi-Täter hatten vor allem Angst, mit dem Ende des Krieges, für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen zu werden und waren deshalb darauf aus Zeugen ihrer Verbrechen zu liquidieren. Deshalb wurden in der Wenzelnberg-Schlucht 71 Menschen, darunter antifaschistische Widerstandskämpfer, auf Grund eines Befehls des Sicherheitshauptamtes der SS und eines Erlasses des Oberbefehlshabers des Ruhrkessel, Generalfeldmarschall Model, ermordet, der heute noch von manchen Stellen als „Hilfe für die Opfer“ dargestellt wird.

Unter den Ermordeten befanden sich Funktionäre der Arbeiterbewegung, wie der kommunistische Stadtrat Otto Gaudig aus Mülheim/Ruhr, wie Erich Lohmer (Wuppertal), Ferdinand Jahny und Friedrich Kamleiter (Oberhausen) und Theodor Schmidt (Leverkusen).
Auf der Liquidationsliste der Gestapo standen noch weitere Todeskandidaten, so der spätere Chefredakteur der KPD–Zeitung „Freies Volk“ und Präsidiumsmitglied der DKP, Max Schäfer und der spätere Präsident der VVN-Bund der Antifaschisten, Joseph Cornelius Rossaint.

Zuchthausleitung schützte politische Häftlinge

Sie und einige andere wurden durch die Anstaltsleitung des Zuchthauses Lüttringhausen – in dem die hier zur Exekution Vorgesehenen gefangen waren – vor der Ermordung bewahrt. Kaplan Rossaint, der im Berliner „Katholikenprozeß“ vor 70 Jahren zu elf Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, berichtete später: „Für uns war das Warten zermürbend, immer wieder sickerte eine Meldung durch, die Gestapo kommt, dann kam sie aber doch nicht. Wieder ein Tag gewonnen, bis es dann am 12.4.45 doch soweit war. Da der Anstaltsleitung dieser Abholtermin bekannt war, wurden von ihr eine Anzahl politischer Häftlinge etwa ein bis zwei Tage vorher verlegt. Für uns war das unerklärlich. Einige Häftlinge kamen nach Remscheid ins Polizeigefängnis, ein anderer Teil wurde dem Kommando „Blindgänger-Entschärfer“ bzw. dem „Bombenräumkommando“ zugeteilt, andere gingen irgendwohin auswärts auf Arbeitskommando; und mit allen gingen deren Personalakten mit. Diese Häftlinge und ihre Akten waren dann am Tage ihrer Abholung durch die Gestapo weder für diese noch für die Anstaltsleitung greifbar. Nur deutsche Häftlinge wurden auf diese Weise verlegt. Die Verwaltung hatte von vornherein der Gestapostelle keine Liste mit den Namen ausländischer Häftlinge vorgelegt. Auch meine Akte wurde von der Anstaltsleitung der Gestapo nicht vorgelegt, obwohl ich während der ganzen Zeit im Hause blieb“.

Ermordete zunächst vor dem Rathaus beigesetzt

Einundsiebzig Menschen wurden am nächsten Tag in der Wenzelnberg-Schlucht erschossen. Die Exekution dauerte eine Stunde, Anwohner berichteten später von entsetzlichen Schreien, von Pistolenschüssen unterbrochen. Die am Verbrechen Beteiligten schaufelten die Grube mit den Leichen zu und beseitigten letzte Spuren des Mordes. Doch das Verbrechen blieb nicht lange unbekannt. Am 17. April wurden in Solingen von einer der absperrenden Hilfskräfte Antifaschisten über den Massenmord informiert. Mit Genehmigung des amerikanischen Ortskommandanten fuhren drei Antifaschisten zum angegeben Ort und entdeckten das frische Massengrab. Am 27. April begann eine amerikanische Spezialeinheit mit dem Solinger Antifaschisten Karl Bennert mit der Aufklärung. Belastete Alt-Nazis wurden zur Ausgrabung der Toten herangezogen, die am 1.Mai vor dem Rathaus in Solingen-Ohligs im Rahmen einer Gedenkfeier beigesetzt wurden. Dort blieben die Gräber bis zum 19.Januar 1965, dann wurden die Toten an den Ort ihrer Ermordung am Wenzelnberg umgebettet.

Teilnehmer der Gedenkkundgebung mit Transparent der VVN und Kranz auf dem Weg zum Wenzelnberg, April 2006.
Schon seit 1946 wurden hier Gedenkfeiern abgehalten. Am 14.September 1947 wurde der Grundstein für eine Gedenkstätte gelegt, für die der Architekt Karl Schrof den Entwurf gemacht hatte. Die drei Verfolgtenorganisationen VVN, Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten und der Bund der Verfolgten des Naziregimes, die sich jahrelang für das Denkmal eingesetzt hatten, konnten es endlich im September 1954 – ohne offizielle Vertreter der Gemeinden – einweihen. Auf der Kundgebung betonte der Solinger SPD-Bundestagsabgeordnete Heinrich Schroth, dass es bei allen unterschiedlichen Auffassungen nötig sei, wie in den Zuchthäusern und KZs weiter fest zusammenzustehen und die drohende Kriegsgefahr im aktiven Kampf abzuwehren. Den zunehmenden neofaschistischen und militaristischen Aufmärschen müsse die Kraft der Arbeiterklasse entgegengesetzt werden. Darin war man sich mit Vertretern der Arbeiterorganisationen einig, was durch die jahrelange Mitwirkung des DGB Rhein-Wupper und dessen Vorsitzendem Arthur Jakobs am Wenzelnberg belegt wird.

Auswirkungen des kalten Krieges

Im Laufe der Zeit machten sich aber auch am Wenzelnberg die Auswirkungen des kalten Krieges bemerkbar. Nach einer Rede des ehemalige NRW-Landesministers und CDU-Vorsitzenden Konrad Grundmann im April 1968 protestierte Karl Schabrod, der 12 Jahre Nazihaft überlebt und als KPD-Abgeordneter die NRW-Landesverfassung mit verfasst hatte, öffentlich in einem Leserbrief: „Für mich und viele meiner Kameraden war die Gedenkfeier in der Wenzelnberg-Schlucht eine Enttäuschung. Es war nicht eine Ehrung toter Kameraden des antifaschistischen Widerstandes, sondern eine wortreiche Beschönigung der heutigen Situation mit all ihren Ungerechtigkeiten und Unfreiheiten gegenüber den Überlebenden des Widerstandes.“

Einflussreiche CDU-Politiker wollten, so kritisierte auch die VVN, die Gedenkstunde in eine „demokratische Pflichtübung mit Feldgottesdienst“ umwandeln. Sie wollten keine Arbeiterlieder, keine Fahnen, keine Reden, die Globke, Oberländer beim Namen nannten und die demokratische Heuchelei mancher entlarvten. In einem Antrag an die VVN-Landeskonferenz hieß es dazu: „Nun im Zeichen des Anwachsens der neofaschistischen Gefahr und des Terrors soll die Wenzelnbergfeier ab 1972 nicht mehr stattfinden. Das darf nicht sein! Das Gedenken an die von SS und Gestapo ermordeten Antifaschisten am Wenzelnberg muss gerade jetzt zur Mahnung und Aufruf zur Zusammenarbeit aller Demokraten und Antifaschisten werden. Es ist die Pflicht und die Aufgabe der VVN, daran besonders tatkräftig mitzuwirken.“

Wenzelnberg Gedenkfeier am Mahnmal
Seit 1990 wieder gemeinsame Kundgebungen

Es sollte aber noch einige Zeit vergehen, bis es so weit war. „Dieses Jahr gelang etwas, was viele – Betroffene wie Engagierte – schon seit Jahren fordern“, konnte das „Solinger Tageblatt“ endlich am 13. April 1990 mitteilen. „Die VVN und die drei Städte dachten gemeinsam des brutalen, wie sinnlosen Mordes“. Seitdem finden die Kundgebungen nicht mehr getrennt statt.

Allerdings gibt es auch dabei ab und zu einige Probleme, die man – bei allem Bemühen die wieder erreichte gemeinsame Veranstaltung zu sichern – doch hinterfragen muss. Da ist die immer wiederkehrende Praxis mancher Presseorgane, die mitveranstaltende VVN und ihre Redner einfach nicht zu erwähnen. Auch besteht bei manchen kommunalen Stellen wenig Neigung, öffentlich für die Veranstaltung zu werben. So berichtete vor einem Jahr die NRhZ über einen Offenen Brief an den Leverkusener Oberbürgermeister Küchler, in dem die völlig unzureichende Werbung und Unterstützung der Stadt für die Gedenkveranstaltung kritisiert wurde.

Protest gegen Ehrung für Solinger Rechtsextremisten

Dass die durch den eingangs erwähnten Öttinger-Nachruf auf den Nazirichter Filbinger deutlich werdende neue Rechtsentwicklung im Lande bis ins Rheinisch-Bergische reicht, zeigt ein Offener Brief des Solinger DGB-Funktionäres Hans Peters an seinen CDU-Oberbürgermeister Franz Haug. Darin äußert der Gewerkschafter sich zum OB-Auftritt bei dem den Rechtsextremen nahe stehenden Solinger Bauunternehmer Günter Kissel unweit der Gedenkstätte Wenzelnberg zu dessen neunzigstem Geburtstag:

„Mit Bestürzung und persönlicher Betroffenheit musste ich heute Morgen aus den Solinger Zeitungen entnehmen, dass Sie beabsichtigen, morgen vor Herrn Kissel einen städtischen Kotau zu machen. Sollten Sie einen Glückwunsch im Namen der Stadt Solingen aussprechen, möchte ich Ihnen sagen, dass Sie das nicht in meinem Namen tun und ich Ihnen ausdrücklich widerspreche.

Verstecken Sie sich nicht hinter der Lebensleistung dieses Herrn für die Stadt. Ich möchte Sie nur daran erinnern, wie Herr Kissel Ihren Amtsvorgänger und die Stadt bei der Namensgebung für seine Wohnhäuser getäuscht und letztlich lächerlich gemacht hat. Wenn Sie in unmittelbarer Nähe zum Veranstaltungsort ‚Wenzelnberg’ sich die, von Herrn Kissel bezahlten ‚Leckereien’ schmecken lassen, nehme ich Ihre Aussagen bei der jeweils stattfindenden Erinnerungsfeier an die Greueltaten der Nazis am Wenzelnberg nicht mehr ernst. Ebenso muss ich mir überlegen, inwieweit Ihre Aussagen am Denkmal für die ermordeten türkischen Mitbürger und Ihre Reden zum Tag der Reichspogromnacht ehrlich sind.

Ja, ich ziehe diese Verbindung, weil derjenige, der Schläger und potentielle Mörder der rechten Szene finanziert, kein normaler Bürger und Unternehmer unserer, meiner Stadt ist.
Jeder, der nach Kenntnis der ‚ungelesenen Rede’ bewusst sich zu Herrn Kissel durch seine Anwesenheit bekennt, ist für mich ein stillschweigender Unterstützer einer neofaschistischen Ideologie, die nach Berichten des Verfassungsschutzes jährlich stärker und brutaler wird und allmählich, auch durch Ihre Anwesenheit, den Anspruch auf ‚Normalität’ durch politische Repräsentanten für sich in Anspruch nimmt.“

Auch an dieser aktuellen öffentlich geführten Diskussion wird deutlich: die Gedenkfeiern am Mahnmal Wenzelnberg sind aus mancherlei Hinsicht geboten. Nicht nur wegen der Ehrung der dort liegenden Toten, sondern auch, um zu einer Kundgebung von Demokraten gegen Neofaschismus, Militarismus, Revanchismus und Geschichtsrevisionismus gemacht zu werden.


Quelle: Neue Rheinische Zeitung
Online-Flyer Nr. 91  vom 18.04.2007



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